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Abi mit 30

Als junge Mutter, hatte ich viel im Kopf – das Abitur gehörte jedoch nicht dazu. Für mich stand immer im Fokus, möglichst schnell Geld zu verdienen, um meinem Sohn und mir ein angenehmes Leben zu bieten. Ab und an störte es mich, die Einzige meiner Familie gewesen zu sein, die sich gegen das Abitur entschieden hatte. Meine Berufsausbildung war für mich nicht immer zufriedenstellend. Oft nervten mich die Reaktionen derer, die mich nach meinem Werdegang fragten und ob ich es als junge Mutter geschafft hätte, mein Abitur zu machen. Ich erfuhr, wie Menschen mich anhand eines Abschlusses beurteilen.

 

Einige Jahre später, mit dem richtigen Mann an meiner Seite und einem weiteren Kind, wurde der Wunsch, nochmal zur Schule zu gehen und mein Abitur nachzuholen, größer. Ausschlaggebend für meine Entscheidung, meinen Fachhochschulabschluss nachzuholen, war ein Gespräch mit meinem Sohn Giulio. Ich kochte gerade in der Küche. Er begutachtete was ich kochte, rümpfte die Nase und fragte: „Schon wieder Gemüse?“. Wie viele Kinder, hat er die Gabe genau die Themen hervorzubringen, über die ich gerade am wenigsten sprechen möchte. Aus heiterem Himmel, fuhr er fort, er fände das Abitur sei wichtig, gleichzeitig aber auch überbewertet und als Fußballer bräuchte er dieses ohnehin nicht.

 

Hatte er gerade gesagt, er brauchte kein Abitur? Mir wurde schlagartig heiß und kalt, woher kam diese Aussage so plötzlich? Was wollte er damit bezwecken? Während ich das Fenster öffnete um meinem Kopf mehr Sauerstoff zukommen zu lassen, sah ich meinen Freund an, der mindestens genauso verdattert schaute, wie ich. Giulio’s Worte saßen tief. Natürlich stellt Giulio mich mit gewissen Aussagen immer wieder auf die Probe, um zu schauen, wie ich reagiere. Es versteht sich auch von selbst, dass Kinder sich ihre Eltern zum Vorbild nehmen. In diesem Falle, hätte er einfach jeden aus der Familie nehmen können, doch er fand es wohl erstrebenswerter, die Einzige der Familie zu wählen, die kein Abi hatte – nämlich mich. Ich setzte mich neben ihn, sah ihn an und nahm seine Hand. Er sah mich an und ich fragte ihn, was er denn als Fußballer tun würde, wenn er sich mal so verletzte, dass er nie mehr spielen könne. Darauf hatte er keine Antwort.

 

Mir reichte es, warum schob ich die Entscheidung, mein Abitur nachzuholen, so lange vor mir her? Währenddessen, grübelte Giulio kurz, stand auf, nahm sich einen Stift sowie ein Stück Papier und schrieb etwas. Es war ein Vertrag, der besagte, dass wir zwei versprechen unser Abitur zu machen. Wer den besseren Numerus-Clausus hätte, müsste den Anderen ins Kino einladen inklusive Essen nach Wahl.

Mir war immer bewusst, dass ich als Mutter eine Vorbildfunktion habe, doch manchmal vergisst man, wie sehr die eigenen Kinder sich ihre Eltern zum Vorbild nehmen. Ich gab Giulio die Hand darauf, unser Pakt war besiegelt. Ich empfand es als falsch meinem Sohn etwas nahe zu legen, was ich selbst nicht verwirklicht hatte und fand eine Schule, nicht allzu weit weg. Diese bot es an, das Abitur auch am Morgen nachzuholen, dies passte perfekt in meinen Zeitplan als zweifache Mutter. Ein Abendgymnasium kommt für mich nicht in Frage, da mein Freund nicht vor 20.00 Uhr von der Arbeit Heim kommt. Den Kindern auch noch eine Babysitterin zumuten, nachdem sie den halben Tag schon in Einrichtungen wie Kindergarten und Schule besuchten, war nicht Teil unseres Plans.

 

Mein Schulgang beginnt also jeden Morgen früh um 8.00 Uhr und am Nachmittag komme ich wieder Heim. So kann ich meinen Kindern ihr Essen zubereiten und mich um ihre Belange kümmern. Es hat sich eigentlich nichts verändert, es ist fast wie zu der Zeit, als ich gearbeitet habe. Mit dem Unterschied, dass wir natürlich aus finanzieller Sicht, haben einbüßen müssen. Wir fanden jedoch, es war wertvoller den eigenen Traum zu verwirklichen, als ihn aus monetären Gründen zu begraben. Ich habe nun im Übrigen das erste Schuljahr von dreien hinter mir und was soll ich sagen, ich gehe wirklich super gern hin. Als ich das erste Mal die Schule betrat, wollte ich sie rückwärts wieder verlassen. Die Menschen kamen mir komisch vor und die Tatsache das tun zu müssen, was Lehrer mir diktierten, missfiel mir. Alle meine Mitschüler hatten bereits im Berufsleben Fuß gefasst und mindestens eine Berufsausbildung absolviert. Wir sind erwachsene Menschen und dementsprechend werden wir auch von unseren Lehrern behandelt.

Heute beginnt nach den Sommerferien nicht nur für Giulio die Schule, sondern auch für mich. Zunächst steht die Wahl meiner Leistungskurse an. Ich kann euch sagen, welches Fach keines meiner Leistungskurs wird – MATHE! Sonst sind meine Noten wirklich äußerst zufriedenstellend und kann diese bei unserer Wette als Köder nach Giulio auswerfen. Es ist nicht immer leicht für bevorstehende Klausuren zu lernen und gleichzeitig den Alltag mit Kindern zu bewältigen. Doch ich weiß, wofür ich es tue und das erfüllt mich. Ich bin froh, mich selbst verwirklichen zu können und gleichzeitig aber auch die Vorbildfunktion, die ich meinen Kindern gegenüber habe, zu erfüllen.

 

Fußballer, das möchte Giulio übrigens immer noch werden. Mittlerweile jedoch einer mit Abitur.

 

4 Kommentare

  • Gini

    Hut ab. Größten Respekt vor dir das du das abi mit zwei kindern nachholst !! find ich wirklich bewundernswert und toll 😉 Du kannst wirklich stolz auf dich sein! & Giulio ist es mit Sicherheit jetzt schon 😉 Toller blog, ich lese euch total gerne. liebe grüße gini <3

    August 30, 2017 at 7:08 am
  • Annette

    Respekt Mika. Du machst sogar uns als Mutter stolz. Danke dafür.
    Alles Liebe ❤

    August 30, 2017 at 1:13 pm

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